DAX 30: Ranking Nonfinancials 2018

Dass der Erfolg eines Unternehmens maßgeblich mit der Qualität seiner Strategie, mit seiner Markenkraft, mit seinem Human Capital, seiner Innovationskraft, seinem Umgang mit Umwelt und Gesellschaft, seiner Haltung zu Menschenrechten, seinem Umgang mit Korruption und vielen anderen Faktoren zusammenhängt, ist hinlänglich bekannt und ebenso anerkannt. Allerdings war die Berichterstattung darüber bisher freiwillig; Unternehmen konnten auswählen, worüber sie berichteten, in welchem Umfang und in welchen Intervallen.

Dementsprechend vielfältig und unübersichtlich war die Berichtslandschaft gerade in Deutschland. Viele Unternehmen übernahmen die – gesetzlich nicht bindenden – Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI). Diese aber fokussieren hauptsächlich auf Nachhaltigkeitsfragen und ignorierten andere wichtige Nonfinancials. Außerdem wirkte das meiste GRI-Reporting dokumentär; riesige Informationsmengen wurden zur Verfügung gestellt. Interpretation, Gewichtung, Hervorhebung? In vielen Fällen Fehlanzeige. Damit aber verfehlt das Reporting seinen Hauptzweck, nämlich Investoren und anderen Stakeholder-Gruppen eine Orientierung zu geben über die Stärken und Schwächen des Unternehmens, sein Potenzial und seine Perspektiven.

Nun also die neue CSR-Richtlinie von 2017. Sie verpflichtet Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern zur jährlichen Veröffentlichung von Informationen über ihr Geschäftsmodell, über Arbeitnehmer-, Sozial- und Umweltbelange, über ihren Umgang mit den Menschenrechten sowie mit Korruption und Bestechung. Die Berichterstattung ist zwingend vorgeschrieben und im Handelsgesetzbuch (HGB) verankert.

Das Reporting soll sich laut Gesetz auf wesentliche Aspekte fokussieren. Form und Platzierung der Nichtfinanziellen Erklärung (NFE) liegen im Ermessen des Unternehmens. Sie kann im Lagebericht oder außerhalb veröffentlicht werden. Sie kann im Geschäftsbericht, im Nachhaltigkeitsbericht oder im Rahmen einer gesonderten Veröffentlichung erscheinen.

Nun wurde das Nonfinancial-Reporting von Deutschlands führenden börsennotierten Unternehmen zum zweiten Mal in Folge untersucht. Eine Erkenntnis des NFE-Rankings von Deutschlands Dax 30-Unternehmen durch reportingexpert.de lautet nach wie vor: Es gibt eine große Bandbreite von Lösungsansätzen im Umgang mit der neuen Bestimmung. Aber: Maßgeblich ist nicht die Form, sondern die Qualität der Berichterstattung. Gerade aber die Qualität des Reporting hat sich in der Berichtssaison 2018 im Vergleich zum Vorjahr kaum verbessert.

Auch die Dax-Neulinge zeigen Nachholbedarf. Die Berichterstattung von Covestro und Wirecard weist gravierende Schwächen auf.

Ein Hinweis in eigener Sache: reportingexpert.de hat die tatsächliche Berichterstattung auf Grundlage der berichteten Fakten bewertet. Unberücksichtigt bleibt dabei die unterschiedliche Bedeutung der einzelnen Faktoren für das jeweilige Unternehmen. Beispielsweise ist Umweltschutz von geringerer Bedeutung für Finanzdienstleister als beispielsweise für Industriebetriebe. Trotzdem werden Dax-Unternehmen wie Deutsche Bank, Allianz und Münchner Rück danach bewertet, wie sie über ihren CO2-Ausstoß und ihren Umgang mit Abfall, Wasser usw. berichten und welche Strategien zur Eindämmung des ökologischen Fußabdrucks eingesetzt werden.

Typologie der Berichtenden

Man beginne mit den Minimalisten wie Fresenius. Die Vorgehensweise ist stringent und folgt einer Wesentlichkeitsanalyse. Eine Eingangstabelle verdeutlicht die Schwerpunkte in einzelnen Bereichen und steigert damit die Übersichtlichkeit der Darstellung.

Dann gibt es die Maximalisten wie Bayer. Sie veröffentlichen gigantische Informationsmengen mit teilweise sehr relevanten Daten und Kennzahlen, versäumen aber, das Wichtigste hervorzuheben. Die Deutsche Bank veröffentlicht neben einem Geschäftsbericht von gigantischem Ausmaß noch einen umfangreichen Nichtfinanziellen Bericht; hinzu kommt ein Personalbericht. Damit betreiben diese Unternehmen Info-Overkill: zu viele Daten, zu wenig Kommentierung. Bemerkenswert allerdings bei Bayer die Ausführlichkeit und Aussagekraft der Daten über das neu übernommene US-Unternehmen Monsanto.

Bei Deutsche Bank wird die Relevanz sozialer Investitionen anhand exzellenter Kennzahlen zum Social Impact verdeutlicht. Bei SAP kommt die Nichtfinanzielle Erklärung an mehreren Stellen in einem Lagebericht vor, der kaum durchschaubare Komplexität aufweist. Wichtige Projekte wie beispielsweise der innovative Einsatz SAP-Mitarbeiter bei der Vermittlung digitaler Kenntnisse im Sinne von Corporate Volunteering gehen fast unter.

Die Systematiker wie Lufthansa bringen eine tabellarische Übersicht und gliedern ihre Berichte weitgehend nach den Vorgaben der CSR-Richtlinie. Dadurch wird dem Leser die Navigation durch das Gelände erleichtert. Bei Lufthansa liegt der Fokus im Umweltbereich auf CO2-Ausstoß und Schallschutz; das Managementsystem wird validiert und Maßnahmen zur Eindämmung der im Berichtsjahr gestiegenen Ausstoßes werden erläutert. Hinzu kommt eine strukturierte Vorgehensweise: Konzepte-Ziele-Maßnahmen-Leistungsindikator.

Gehört die NFE in den Geschäftsbericht oder ist sie besser aufgehoben außerhalb? Die Absonderer wie Allianz und BMW entscheiden sich für die zweite Variante und veröffentlichen einen eigenständigen Kurzbericht. Dies hat den Vorteil der Übersichtlichkeit, den Nachteil allerdings, dass eine Reihe von Querverweisen erfolgen muss. Bei Allianz werden Abschnitte über Kundenorientierung veröffentlicht, die hier fehl am Platz sind. BMW wiederum bringt unstrukturierte Informationen im Nachhaltigkeitsbericht. Insofern entpuppt sich die vermeintliche Übersichtlichkeit als nur bedingt gegeben.

Die Tiefbohrer begnügen sich nicht mit oberflächlichen Darstellungen, sondern nehmen die Vorgabe der Erklärung, die Auswirkungen und vor allem die Risiken ihrer Geschäftstätigkeit zu beschreiben, durchaus ernst. Deutsche Post setzt ehrgeizige Langzeitziele für 2025 und 2030 und misst Fortschritte bei relevanten Indikatoren wie CO2-Ausstoß. Auch die Sozialbelange weisen auf Relevanz hin: Deutsche Post nutzt ihre Kernkompetenz als Transportunternehmen um Katastrophenhilfe vor Ort in der ganzen Welt zu leisten.

Zu den Vielseitigen gehört Adidas. Das Verständnis des Unternehmens von Nonfinancials geht weit über konventionelle Vorstellungen von Nachhaltigkeit hinaus und schließt viele andere Bereiche wie Unternehmensstrategie, Markenkraft, weltweite Geschäftssteuerung und Qualitätsmanagement ein. Das Gleiche gilt für BASF. Neben einer vorbildlichen prozessorientierten Darstellung von Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette punktet das Unternehmen mit seiner Fokussierung auf das Verbundprinzip als Strategie und Markenkern gleichermaßen. Hinzu kommt ein messbares System von Zielen 2020 und Fortschritten im Geschäftsjahr 2018.

Der Überflieger ist in diesem Jahr Henkel. Vorbildlich: die Transparenz in allen Bereichen. Vor allem werden etwa die Umweltziele von minus 30%-Fußabdruck in Verhältnis zum Umsatz gesetzt. Somit besteht ein Konnex zwischen Financials und Nonfinancials. Chancengerechtigkeit ist so weit gediehen, der der Frauenanteil an den Führungskräften – ca. 34% - dem Frauenanteil in der Belegschaft entspricht. Henkel setzt auch Maßstäbe bei der Präsentation der Ergebnisse mit griffigen Texten, aussagekräftige Grafiken und Tabellen.

Die 10 besten DAX-Unternehmen

Rang Unternehmen Punktezahl Note
1 Henkel 80 sehr gut
2 BASF 79 gut
3 Bayer 78 gut
4 Dt. Post 74 gut
5 SAP 73 gut
5 Deutsche Bank 73 gut
7 Adidas 71 gut
7 Lufthansa 71 gut
9 Fresenius 70 gut
10 Daimler 69 ausreichend

Verbesserungsbedarf in der Unternehmenskommunikation

Eine bedenkliche Entwicklung der letzten Jahre wird durch die Nichtfinanzielle Erklärung noch verstärkt: Der Geschäftsbericht wird immer mehr zu einem Materialfriedhof. Selbst die besten Berichte – siehe zum Beispiel auch SAP – sind Dokumentationen und keine Kommunikationsinstrumente. Der Leser resp. Webuser wird gezwungen, durch den Friedhof zu wandern, um dann mühsam die einzelnen Grabsteine und ihre Inschriften zu entziffern. Die Onlineversionen der Berichte bieten in der Regel keine bessere Navigation; es geht nämlich nicht um schöne Optik, sondern um Kohärenz. Und gerade die fehlt.

Rar sind Berichte wie von Henkel, die die wichtigsten Ergebnisse und Einflussfaktoren kommentieren und gewichten. Dies aber gehört zu den vornehmsten Aufgaben des Reporting. In einer unübersichtlichen Welt gehören die Berichte eines Unternehmens klar strukturiert, ansprechend gestaltet und einleuchtend kommentiert.

Verbesserungsbedarf bei der Erklärung

Eine zentrale Erkenntnis aus dem Ranking: die willkürliche Zusammensetzung der Nichtfinanziellen Erklärung. Genauer gesagt: die nicht kohärente Mischung aus geschäftlichen Inhalten einerseits (Geschäftsmodell, Korruption und Bestechung) und eher ethischen andererseits (Umweltbelange, Sozialbelange, Menschenrechte). Dabei sind die geschäftlichen Inhalte leichter fassbar und werden in der Regel auch präziser berichtet als die ethischen.

Fazit: Es besteht erheblicher Nachbesserungsbedarf bei der Richtlinie. Sie betrifft zum einen die Identifizierung wichtiger Leistungsindikatoren, zum anderen die Präzisierung der Einzelteile.

Nichtsdestotrotz ist die NFE wertvoll, denn der Blick auf die nichtfinanziellen Werttreiber wird erzwungen. Den Unternehmen wird aufgelegt, stärker auf immaterielle Faktoren zu fokussieren und eine entsprechende Wesentlichkeitsanalyse vorzunehmen. Die Richtlinie thematisiert auch den Risikoaspekt. Nun zeichnen sich Umwelt- und Sozialbelange dadurch aus, dass ihre Vernachlässigung schwerwiegende Folgen für die Unternehmensreputation verursachen kann. Insofern rückt durch die Erklärung das Thema Reputationsrisiko in den Vordergrund. Insgesamt ist die CSR-Richtlinie ein Meilenstein auf dem Weg zu integriertem Denken.

Bewertungskriterien

Kriterium Punktezahl Sachverhalte
Geschäftsmodell 10 Vorhandensein, leichte Auffindbarkeit, Struktur usw.
Umweltbelange 10 dito
Arbeitnehmerbelange 10 dito
Sozialbelange 10 dito
Achtung der Menschenrechte 10 dito
Korruption und Bestechung 10 dito
Inhaltliche Qualität 20 Darstellung der Konzepte, Due-Diligence-Prozesse, Risiken, Branchenbezug usw.
Kommunikative Qualität 20 Sprachliche Darstellung, Aufbereitung der Zahlen, √úbersichtlichkeit, Kommentierung und Gewichtung usw.
Maximale Punktezahl 100 Note 1: 80+ ausgezeichnet
Note 2: 70–79 gut
Note 3: 60–69 ausreichend
Note 4: 50–59 befriedigend
Note 5: <50 mangelhaft

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